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Dies ist eine Geschichte, die aus der Feder
meines Wellensittiches Noname stammen würde…wenn er in der
Lage wäre, zu sprechen und zu schreiben, und zu denken,
so wie wir Menschen. Da er dies nicht kann, habe ich ihm
geholfen, und seine Gedanken in dieser Story zusammengefasst.
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Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein zwei Jahre alter Welli,
ein Standardwellensittich. Mit dem Farbschlag "grau-grün"
- ich bezeichne mich aber als olivfarben. Mein Name ist
Noname. Ich habe eine besondere Geschichte, die ich Euch
erzählen will.
Wir wohnen hier in einer Wohngemeinschaft: Unbefiederte
und Befiederte - alle zusammen. Die meisten hier sind lieb,
außer Penny, dem blinden Pennantsittich, der wütend ist,
weil er nichts sehen kann.
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Tweety und ich
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Mein bester Freund ist Tweety. Er ist ein
quietschgelber lebhafter Schürzenjäger, ein Lutino. Tweety
ist in Celle aus dem Ei geschlüpft, und hat mit mir ungefähr
den gleichen Schlupftag. Er erblickte das Licht der Welt
bei einem Züchter namens Olaf, und Tweety hat mir erzählt,
dass er nur gelbe Wellis kannte, und dachte, das sei normal.
Wir waren erstaunt, wie bunt hier alle sind! In meiner Kinderstube
waren alle oliv. Ich kannte es auch nicht anders. Nun erzähle
ich mal, wie ich hier hergekommen bin.
Ich wurde eines Tages ausgestellt. Auf einer Schau, und
viele Unbefiederte kamen, um uns Wellis anzusehen. An dem
Tag hatte ich ein bisschen Augenschmerzen. Irgendwas war
in meinem rechte Auge, und ich konnte es nicht entfernen,
so sehr ich auch den Kopf an der Stange rieb.
Einige von uns verließen ihre Käfige, und es wurde gemunkelt,
dass sie verkauft wurden. Verkauft! In eine ungewisse Zukunft,
und da verstand ich auch, warum sie zitterten. Angst hatten
sie, und Angst hatte auch ich. Würde ich auch "verkauft"
werden?
Eine Unbefiederte sah mich immer an. Und immer wieder! Sie
hatte auf der Schau einen Stand, an dem sie Vogelfutter
verkaufte, und ich hörte, wie sie den Leuten einredete,
immer zwei Wellis zu kaufen, wenn´s denn schon sein muss.
Mein Züchter namens Uwe, also der, der zu Hause immer das
Futter in den Fressnapf gefüllt hat, freute sich sehr darüber,
dass die Unbefiederte die Leute so gut unterhalten hat.
Was genau sie sagte, habe ich manchmal nicht verstanden.
Nur, das sie oft gezetert hat, wenn die Leute sich nicht
belehren lassen wollten. Sie muss ganz bestimmt eine Henne
sein. Nur ein Weib zetert so! Ihren Namen habe ich verstanden
- sie hieß Petra.
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Meinem Züchter hat
das Zetern wohl gut gefallen. Er war darüber so glücklich,
dass er mich ihr schenkte. Nun war es passiert! Auch ich durfte
nicht wieder nach Hause, zu meiner Schwester und den beiden
Brüdern - die alle, so sagte mein Züchter, für diese Ausstellung
"nicht taugten". Komisch war das auch. Sie sind genau so oliv
wie ich es bin. Ich war traurig, sie niemals wieder zu sehen.
Ich zog in das Revier des zeternden Weibchens ein, das keine
Federn hat und Petra heißt. Die erste Zeit musste ich alleine
in einem Käfig sitzen. Von weitem hörte ich viele Artgenossen,
und noch mehr! Bellende Pennanten konnte ich hören, und quietschende
Pflaumenkopfsittiche, schreiende Nymphen...und viele Vögel,
die noch kleiner sind als ich, jedoch viel besser singen können.
Das unbefiederte Weibchen nennt sie "ihre Minipieper". Welche
Vogelart das ist, habe ich bis heute noch nicht herausgefunden,
außer einmal: Einer davon wurde mal einzeln gesetzt, weil
er krank war. Die Menschen hier unterhielten sich und bezeichneten
ihn als Schmetterlingsfink - schön ist er, und blau!
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Ich wurde jeden
Tag eingefangen, und irgendwas wurde auf mein schmerzendes
Auge getan. Ich hatte jedes Mal fürchterliche Angst, doch
bald ließen die Schmerzen nach. Nach einer langen Zeit war
es soweit: Ich durfte zu den anderen Wellis! Ich wurde in
mein neues Revier getragen, und durfte in die Voliere fliegen.
War das schön! Alle hatten unterschiedliche Farben! Da lernte
ich meinen gelben Freund Tweety kennen, und auch noch andere
zeternde Weibchen, aber welche mit Federn. Sie begrüßten mich
alle freundlich - außer Maja. Sie zog mich am Flügel, bis
ich von der Stange fiel. Überhaupt ist Maja eine komische
Henne. Sie spricht manchmal eine Sprache, die ich nicht verstehe.
Außerdem ist sie nur halb so groß wie ich!
Nach und nach lernte ich einige kennen. Sie erzählten mir
ihre Lebensgeschichte. Blinky, der Rupfer, der Angst vor körperlicher
Nähe hat; Bonny, die arme Standardhenne, die früher das ganze
Jahr über brüten musste; Texas, der seinen Freund verloren
hat; Buddy und Lucy, die aus einem Keller befreit wurden,
und der kranke Kasimir, dem schon die zweite Frau verstorben
war. Mit den anderen hatte ich mich bis dahin noch nie näher
unterhalten.
Bald fing es wieder an. Mein Auge tat weh! Ich rieb und rieb
den Kopf am Ast und am Kalkstein. Doch es wurde nicht besser,
das Auge fing an zu bluten. Die unbefiederte Henne namens
Petra trennte mich wieder von meinem Freund Tweety, und setzte
mich in einen Käfig. Dies mal war alles noch schlimmer! Sie
ging mit mir nach draußen, über die Straße. Wir gingen in
ein Haus, dort waren viele Tiere mit ihren Unbefiederten.
Man nennt sie "Menschen". Einer nach dem anderen wurde aus
dem Raum gerufen. Bald waren wir an der Reihe, und ich hatte
schreckliche Angst! Es war genau so, wie Kasimir das erzählt
hatte. Ich wurde auf einen Tisch gestellt und über mir war
eine helle Lampe. Drei unbefiederte große Menschenhennen standen
hinter mir; vor mir ein großer Menschenhahn mit langen Kopffedern,
die hinten mit einem Band zusammen gebunden waren. Jeder nannte
ihn Olli, er ist ein Tierarzt. So sagte Kasimir...
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Maja
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Und schon ging es
los. Der Tierarzt Olli fing mich ein! Auch das noch, wo doch
mein Auge so weh tat! Genauangeschaut hat er mich, und mir
am Auge herum hantiert. Er nahm die Schere, und schnitt mir
die Federn über dem Auge ab! Er sagte "Das ist der einzige
Weg, um die Entzündung zu bekämpfen. Das dritte Augenlid ist
bereits ausgetreten".
Ein drittes Augenlid??? Hat man so was??? Ich wusste nicht...Jedenfalls
war der schreckliche Druck auf dem Auge nicht mehr so stark,
nachdem dort die Federn geschnitten wurden. Der unbefiederte
Tierarzt namens Olli sagte zu Petra, dass die Überzüchtung
Dinge hervorbringt, die man früher nicht kannte. Schließlich
hätte ein Vogel von Natur aus keine langen Federn über den
Augen!
Überzüchtung? Bin ich übergezüchtet? Was bedeutet das???
Ich beschloss, den alten Hannibal zu fragen, wenn ich wieder
zu Hause und bei den anderen sein werde. Der kennt sich gut
mit allen Dingen aus, schließlich ist er schon alt, und er
ist unser Schwarmführer.
Ein paar Tage musste ich wieder alleine bleiben. Mir brannten
die Fragen auf der Zunge, zu den Dingen, die der Tierarzt
sagte und deren Bedeutung ich noch nicht kannte. Ich freute
mich auf den Tag, an dem ich Hannibal bitten konnte, diese
Fragen zu beantworten. Täglich bekam ich die Salbe auf das
Auge, und dadurch wurde es besser. Plötzlich konnte ich viel
besser sehen, ohne die langen Federn vor den Augen. Es war
nun alles so deutlich und klar!
Nach vier Tagen hatte ich meinen Schwarm wieder, und er hatte
mich. Dort wartete mein Freund Tweety auf mich, der auch nicht
wusste, was eine Überzüchtung ist. Nur, dass es kleine und
große Wellensittiche gibt - eine Tatsache, die er schon immer
recht merkwürdig fand. Vielleicht hat das etwas damit zu tun...Wir
fragten Hannibal und seine Frau, das dicke weiße Flöckchen.
Sie erzählten uns die ganze Wahrheit:
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Hanibal und Flöckchen
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Hannibal streckte sich, bevor
er anfing, zu erzählen. Er sah in die Runde, zog ein Bein
ein und machte es sich bequem. Er genoss es, alle Schwarmmitglieder
um sich versammelt zu haben, und liebte es, sich reden zu
hören, wenn alle seinen Worten lauschten. Flöckchen wusste,
dass nun eine lange Geschichte folgen wird. Sie hörte auf
zu fressen, und flog nach oben auf den höchsten Ast, um an
der Seite ihres Mannes Hannibal zu sein, wenn er das Leid
der Vogelwelt verkündet.
"Vor vielen Jahren" begann Hannibal seine Geschichte,
"lebten in einem fernen Land unsere Vorfahren. Das Land heißt
Australien, es existiert auch heute noch. In keinem anderen
Land gab es damals Wellensittiche - nur in Australien. Unsere
Urahnen waren klein, schnell, wendig...sie sahen alle aus
wie Maja, nur in grün. Zu irgend einem Zeitpunkt hat jemand
einige unserer Vorfahren mitgenommen in ein anderes Land.
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Sie vermehrten sich dort, wurden
an Menschen weiterverkauft, und so lebten wir bald in vielen
Ländern der Erde. Bald waren die Nachkommen unserer Vorfahren
nicht mehr nur grün. Es kamen durch Zufall mitunter blaue
und auch gelbe Wellensittiche zur Welt, und die Menschen wussten
schnell, wie sie das hervorrufen konnten. So wurden in der
Zukunft noch mehr neue Farbschläge gezüchtet, aber das reichte
den Menschen nicht...sie wollten, dass wir größer werden!"
Im ganzen Raum war es totenstill. Man hätte ein Futterkörnchen
fallen hören können. Hannibal machte ein betrübtes Gesicht,
sah mich und Texas an, und fing an, mit dem Schnabel zu knirschen.
Ich dachte darüber nach, was dann wohl kommen sollte. Eins
stand fest: kein einziger Wellensittich aus meinem Schwarm
sah aus wie unsere Urväter. Außer Yvonne, die kleine grüne
Henne mit der geschwollenen Wange. Ob sie wohl direkt aus
Australien kam? Sie war immer so ängstlich und scheu...daher
traute ich mich nie, sie danach zu fragen.
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"Hannibal, was siehst Du mich
an?" fragte Texas. "Ich bin zwar nicht grün, sondern gelb.
So wie Du! Aber ich bin schnell, wendig und kann sehr gut
fliegen. Und das, obwohl ich größer bin als alle anderen Wellis
hier. Bei mir macht die Größe gar nichts aus." Während bei
Texas vor Stolz auf sich selbst und seine Worte die Brust
anschwoll, ließ Maja es sich nicht nehmen, ihn am Flügel zu
ziehen. Der große, stolze Texas verlor das Gleichgewicht,
fiel vom Ast, und landete auf dem Bauch unten im Fressnapf.
Er fiel so schnell und so schwer, und hatte gar nicht begriffen,
dass er die Flügel hätte spreizen müssen, um sein Gewicht
abzufangen. "Da siehst Du es!" höhnte Maja. "Das ist Überzüchtung.
Mir wäre das niemals passiert!" Sie hob die Schultern, flog
ab und schwirrte wie ein Kolibri vor Kasimirs Kopf herum.
Hannibal fuhr fort in seinen Ausführungen: "Genau. Das ist
ein Teil der Überzüchtung. Die Menschen haben sich irgendwann
einmal ausgedacht, wie ein Wellensittich auszusehen hat, damit
die Züchter auf einer Ausstellung einen Sieg erringen können."
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Texas
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"Du meinst, wir sind
von Menschenhand gemacht?" fragte Kiki, und legte ihr weißes
Gefieder an. "Nicht ganz" sagte Hannibal, "nur, viele Züchter
lassen nicht die Vögel brüten, die sich als Paar gefunden
haben. Sondern dort brüten Wellis miteinander, die die besten
Zuchteigenschaften haben, um das Zuchtziel zu erreichen. Seht
euch um! Nicht nur, dass wir nicht grün sind; seht euch meine
Frau an. Sie hat die sogenannte Buff-Feder, und sieht aus,
wie ein Kaninchen im Winterfell. Seht Buddy: sein Schnabel
ist vor lauter Bartfedern fast nicht mehr zu sehen. Seht Texas,
er ist groß und schwer, und seht Noname: der von den Menschen
gezüchtete federfüllige Oberkopf verdeckt seine Augen. Die
Federn wachsen ins Auge, und nun ist er krank. Was die Menschen
als Standard mögen, ist für uns ein Leid."
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Eines meiner kranken Augen
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So. Jetzt wusste
ich Bescheid. Und Tweety auch! Jetzt wussten wir, was mit
dem Wort ÜBERZÜCHTUNG gemeint war! So ist das also! Wir sind
alle so eingeschränkt, weil wir nicht aussehen wie unsere
Urahnen. Was kann man da nur machen???
An dem Tag, als Hannibal uns erzählt hat, was wir alle schon
immer wissen wollten, kam die Nacht, bevor wir eine Lösung
fanden. Auch die nächsten Tage und Wochen vergingen, ohne
dass wir wussten, wie wir das Vorgehen stoppen können.
Deshalb bitte ich Euch Menschen: Hört auf, uns zu gestalten!
Lasst normale Wellis aus den Eiern schlüpfen - keine, die
zu groß, zu schwer, zu federreich sind. Das soll das Anliegen
dieser Geschichte sein.
Seht mich an: Mir wird es nicht mehr helfen. Aber vielleicht
wird durch diese Geschichte einigen der zukünftig schlüpfenden
Wellis manches Leid erspart...
Euer Noname |
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| © Petra Pflüger, Garbsen
, eine Geschichte aus "Große Helden sterben
nicht" |
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